Hamburg bietet wenig Superlative, und die sind auch noch wenig Aufsehen erregend: die zweitgrößte Stadt der Republik, der zweitgrößte Friedhof der Welt. Die Stadt der Brücken (genau 2496) und der Millionäre (deren Zahl nicht mal die Finanzbehörde kennt). Aber das alles ist es nicht. Was Hamburg wirklich ausmacht, ist ein bestimmtes Lebensgefühl. Mancher spürt es sofort, mancher nie, diese Mischung aus Fernweh und Patriotismus. Hamburg macht Sehnsucht - einerseits. Wen es nicht packt, wenn bei Nebel am Hafen die Schiffe tuten, der wird es nie begreifen. Andererseits: Hamburg macht sesshaft. Man winkt den Schiffen hinterher - und bleibt. »Tor zur Welt« nennt sich die Hansestadt stolz. Doch auf dem Stadtwappen bleibt das Tor fest verschlossen.
An Hans Albers denken Gäste womöglich, wenn sie zum ersten Mal nach Hamburg kommen. Von St. Pauli hat man gehört und von der Reeperbahn. Auf den Michel steigt man, füttert die Möwen und fährt mit dem Gefühl nach Hause, das meiste gesehen zu haben. Auch das ist ein Irrtum. Nicht mal die Hamburger kennen ihre Stadt genau. 74 km² umfasst allein der Hafen - hier wird zugeschüttet, da wird ausgebaggert, hier wird aufgespült, da wird planiert. Zimperlich ist man nicht an der Elbe. Diese Stadt, das erkannte schon der frühere Baudirektor Fritz Schumacher, ist »ganz und gar ein Produkt der technischen Energie ihrer Bewohner«.
Eines allerdings stimmt: Hamburgs Klima ist nichts für schwache Nerven. Hier fahren die Tiefs und Hochs häufig Achterbahn. Das bedeutet, je nachdem, steifer bis strammer Nordwest. Steht die Barometernadel ausnahmsweise still, kann das zur Folge haben, dass die Wolken tagelang wie Beton am Himmel hängen. Der Hamburger Winter kennt kaum Schnee, dafür endlose Variationen zum Thema Niesel-, Sprüh- und Graupelregen. Den wahren Hamburger lässt das kalt. »Schmuddelwetter«, räumt er höchstens ein, doch »da hinten klart's wieder auf.« Beim geringsten Anzeichen einer Wetterbesserung holt er das Cabrio aus der Garage, und wenn die Schneeglöckchen sprießen, öffnen die Eisdielen. Man ist den Elementen hier stärker ausgesetzt als anderswo, und das mag ein Grund dafür sein, dass sich die, die es an der Elbe aushielten, über Generationen hinweg zu einem zähen Schlag entwickelt haben.
Stur ist der Hamburger von Natur. Und obendrein »plietsch«, das ist Plattdeutsch: Ein »plietscher Jung« ist einer, der weiß, wo's lang geht - ein schlaues Kerlchen also. Noch immer haben es die Hanseaten verstanden, aus ihrer Lage das Beste zu machen. Dazu gehört, dass man sich nach Möglichkeit arrangiert. Nicht nur mit dem Wetter. So hat es die Stadt tausend Jahre lang geschafft, sich aus militärischen Konflikten herauszuhalten.
Spricht man eingefleischte Hansestädter auf die Vergangenheit an, dann winden sie sich meist. Ein schwaches Gedächtnis hilft, unbekümmert in die Zukunft blicken zu können. Immer nach vorn: »Zurück darf kein Seemann schau'n«, verkündete ja schon Hans Albers. So hat es der Hamburger gern. Verschütteter Milch weint er keine Träne nach. Man kann ihn herzlos nennen, arrogant, sogar selbstverliebt, aber eines ganz bestimmt nicht, nämlich faul. Immer wieder hat sich die Stadt aufgerappelt. Nach einem Großfeuer im Mai 1842 musste praktisch die gesamte Innenstadt neu aufgebaut werden - die Hamburger haben es ohne Zögern angepackt. Wie hundert Jahre später nach dem Zweiten Weltkrieg, als fünfzig Prozent aller Wohnungen und achtzig Prozent der Hafenanlagen in Schutt und Asche lagen. Da saßen die Überlebenden wieder in den Trümmern und machten sich mit dem Heimkehrer Wolfgang Borchert Mut: »Hamburg! Das ist mehr als ein Haufen Steine, Dächer, Fenster, Betten...«
Aber was? Es kann nicht das Rathaus sein, obwohl es zweifellos ein besonders großes Rathaus ist. Es kann nicht der Michel sein, denn der ist zwar eine schöne barocke Kirche, aber nicht die einzige der Welt. Es kann nicht die Kunsthalle sein und nicht der Flughafen, nicht der Fischmarkt und nicht der Jungfernstieg - also alles das nicht, was Hamburger ihren Gästen so zeigen. Hamburg ist mehr als die Summe seiner Teile, Hamburg ist ein Gesamtkunstwerk. Eines, das entstanden ist, weil man gar kein Kunstwerk vor Augen gehabt hat, sondern einen Ort, wo man einfach nur anständig leben kann.
In Zahlen (inklusive der Elbinseln Neuwerk und Scharhörn): 1,74 Mio. Einwohner, verteilt auf 104 Stadtteile. 55 km² Naturschutzgebiet, 61 km² Wasserfläche. Renommierte Bühnen wie das Deutsche Schauspielhaus sind hier zu Hause, die Hamburgische Staatsoper, das Thalia-Theater, außerdem zwölf Hochschulen, darunter fünf Universitäten, fünfzig Museen, der HSV, der FC St. Pauli, das Tennisturnier am Rothenbaum, das Deutsche Derby in Hamburg-Horn. Das alles gibt es hier, und der Hamburger ist stolz darauf. Aber wenn er ehrlich ist, würde er selbst dann hier ausharren, wenn es das alles nicht gäbe.
Kommen wir zu dem, was Hamburg lebenswert macht. Erstens: Hamburg ist demokratisch. Eh und je gewesen, und zwar oben wie unten. Bis heute verbietet es das Protokoll dem Hamburger Stadtoberhaupt, Gästen auf der Rathaustreppe entgegenzukommen. Als Wilhelm II. seinerzeit anreiste, redete ihn der damalige Bürgermeister keinesfalls mit »Majestät« an, sondern mit »erhabener Bundesgenosse«. Später ging er zum Terminus »Kollege« über. Eine Ausnahme machte Bürgermeister Max Brauer für Queen Elizabeth II., aber nur, weil es sich um eine Dame handelte. So etwas färbt ab, bis in die breitesten Schichten. Eine Schickeria Münchner Zuschnitts hat sich in Hamburg nicht entwickelt. Es gibt ein paar wechselnde Treffs der Schönen und Prominenten, aber auch die werden meist nach wenigen Monaten vom »Volk« aus den Vorstädten erobert.
Zweitens: Regiert wurde es jahrzehntelang von der SPD - bis 2001. Dann gewann der CDU-Kandidat Ole von Beust die Wahl, musste aber mit der FDP und der Schill-Partei eine Koalition eingehen. Dass ausgerechnet die feinen Hanseaten den Krawallmacher Ronald Schill zum Innensenator machten, daran will man sich am liebsten nicht mehr erinnern. Alle waren von Beust dankbar, als er dem Spuk im Herbst 2003 ein Ende bereitete und Schill feuerte. Seit 2004 regiert von Beust nun allein. Und er macht das gar nicht mal so schlecht, finden die Hamburger. Das Senatsprojekt »wachsende Stadt« scheint zu funktionieren. Zum ersten Mal seit Jahren steigt die Einwohnerzahl wieder an. Und so wird hier im Vergleich zu anderen Städten wenig gemeckert. Zumindest so lange die Kasse stimmt. Unruhe passt den Hamburgern nicht. Konservativ ist der Kaufmann, konservativ der Punk. Hände weg von der Speicherstadt! Hände weg vom Schanzenviertel! Und auch in Sasel oder Nienstedten liebt man hinter dichten Rhododendren vor allem das Beständige.
Drittens: Hamburg ist bescheiden. Geprotzt wird nicht - oder eher selten. Man legt allenfalls Wert auf die Adresse. Besonders natürlich da, wo man eine hat, z.B. rund um die Alster.
Viertens: Hamburg ist leise. Wer hupt, kommt aus der Provinz. Wer Küsschen links und rechts gibt, ist vermutlich »beim Fähnsehn«. Dem Hamburger reicht zur Begrüßung ein frisches »Moin!«. Nur im Ausland sagt der Hamburger »Moin Moin«. Das allerdings beginnt schon hinter den Harburger Bergen. Begeisterung zeigt der Hamburger still, Überwältigung nie.
Fünftens: Hamburg ist tolerant. Man hat Dänen, Franzosen, Engländer, Holländer, Japaner und Österreicher kommen sehen. Und wieder gehen. Wenn sie partout dableiben wollten, war es auch recht. »Quiddjes«, also Zugereiste, sind an der Elbe willkommen, sofern sie etwas Geld mitbringen, wofür man ihnen früher an der Stadtgrenze eine Quittung, das »Quiddje«, ausgestellt hat. »An der Alster, an der Elbe, an der Bill«, heißt es im Volksmund, »kann ein jeder machen, was er will.« Schwule Ehe? Mit kirchlichem Segen. Homosexuelle Politiker? Kein Thema. Allein Erziehend? Ist hier praktisch jeder - ein Viertel aller Hamburger (jeder zweite Haushalt) lebt solo.
Bedenken Sie das alles, wenn Sie nach Hamburg kommen. Und vergessen Sie alles wieder. Machen Sie sich Ihr eigenes Bild. Gehen Sie vom Hein-Köllisch-Platz durch St. Pauli runter zur Hafentreppe. Diesen Weg sind früher täglich Zehntausende gegangen, auf dem Weg zur Arbeit im Hafen. Unterhalb der besetzten und inzwischen legalisierten Hafenstraßenhäuser stehen noch die Reste der Kasematten, wo Pferde und Fuhrwerke untergestellt wurden. Oder erkunden Sie die Gegend rund um die Außenalster. Eine Fahrt mit dem Alsterdampfer gehört zum Pflichtprogramm.


